RAW fotografieren

Viele Bilder sind „out of camera“ als JPEG schon für den Hausgebrauch echt brauchbar…

Entgegen der Aussagen einiger RAW-Fans muss man meiner Meinung nach auch nicht zwingend JEDES Foto aus RAW heraus entwickeln. Nicht jeder Schnappschuss einer Familienfeier oder eines Urlaubs ist den Nachbearbeitungs-Aufwand wert… Aber oftmals ist es schon sinnvoll.

Wann macht RAW Sinn? Wann nicht?

Sinn macht es meiner Meinung nach fast immer, notwendig ist es in vielen Fällen nicht…

Es gibt durchaus auch Situationen, in denen RAW-Fotos sogar hinderlich sein könnten:

Wenn man RAW fotografiert, muss man sich immer bewusst sein, dass man enorme Datenmengen erzeugt.
Wenn man auf schnelle Serienbild-Aufnahmen angewiesen ist (z.B. Rennsport oder Flugshows), kann das Abspeichern der RAW-Dateien schnell zum Performance-Flaschenhals werden.
Denn das Schreiben auf die Speicherkarte benötigt etwas Zeit. Während die ersten Bilder noch von der Kamera gepuffert werden können und später geschrieben werden, sobald die Kamera Zeit/Kapazität dazu findet, ist nach einigen Bildern (je Kamera und Speicherkarte unterschiedlich) der Puffer voll und die Bild-Aufnahme-Geschwindigkeit nimmt spürbar ab… bis hin zu minutenlanger Blockade.

Der Vorteil an RAW ist, dass man viel mehr Bild-Informationen erhält als in einem fertigen JPEG abgespeichert werden können.
Für das JPEG nimmt die Kamera die Daten vom Sensor (welche komplett im RAW gespeichert werden), wertet die Wichtung für die verschiedenen Farb-Kanäle anhand des gewählten (oder automatisch ermittelten) Weißabgleichs, schärft und entrauscht in Abhängigkeit der gegebenen Licht-Situation, (ent-)sättigt oder colorgradet die Farben je nach gewählter „Kreativ-Modus“-Einstellung und speichert das Ergebnis dann in insgesamt 24 Bit pro Pixel (Farbkanäle Rot/Grün/Blau je 8 Bit) ab.

Wenn man in diesem JPEG später nochmal anfängt, den Weißabgleich anzupassen, Kontrast oder Sättigung zu ändern oder Ähnliches, dann verliert man definitiv Bild-Informationen. Das Bild kann danach trotzdem noch besser aussehen als zuvor, aber ein Blick ins Histogramm zeigt, dass irgendwo Zwischenwerte verloren gehen.

Das RAW-Bild hat noch keine der Optimierungen, die die Kamera auf das JPEG schon angewendet hat. Es wirkt auf den ersten Blick erst einmal blass und fad. Aber es hat einen wesentlich höheren Dynamik-Umfang und man kann einiges aus ihm heraus arbeiten.

Jeder kennt Fotos, die total blau-stichig oder gelb-stichig sind… sowas liegt am falschen Weißabgleich. Auch ein JPEG kann man in der Nachbearbeitung oft noch einigermaßen retten… aber nur unter Verlust eines Teils des Farbspektrum… und nur, wenn er nicht komplett daneben ist. RAW hat alle Bild-Informationen von dem Zeitpunkt bevor sich die Kamera für einen Weißabgleich entschieden hat – somit ist eine verlustfreie Korrektur möglich.

Ich persönlich versuche nahezu alle Fotos in RAW+JPEG aufzunehmen.

Einerseits habe ich – da es ja auch alles nur ein Hobby ist – leider nicht die Zeit, jedes einzelne zu bearbeiten,
andererseits möchte ich auch immer die Möglichkeit haben, Bilder, die mir out-of-camera nicht gefallen, zu „retten“.

Ein weiterer wichtiger Anwendungsfall für eine Entwicklung aus RAW-Dateien heraus wäre z.B. ein bewusstes Color-Grading, um eine bestimmte Bild-Stimmung zu erzeugen, um allen Bildern einer Serie einen wiederkehrenden Look zu geben oder Ähnliches.

Und ein dritter, juristischer Grund, der mir bislang zum Glück erspart geblieben ist:
Wenn jemand ohne Genehmigung deine Bilder verwendet und das vielleicht noch in einem Context, den du überhaupt nicht vertreten kannst, kann die Tatsache, dass du im Besitz der RAW-Datei bist, der Beklagte jedoch nicht, ziemlich schnell und eindeutig beweisen, wer der eigentliche Urheber ist.

Vorher-/Nachher-Beispiele

Es gab schon einige Fälle, in denen ich froh war, ein RAW-Bild als Rettung zu haben – hier nun eine kleine Auswahl:

Konzert-Fotografie

Konzert-Fotografie ist ein ständiger Kampf mit dem Scheinwerfer-Licht:

Mittelalter-Märkte

Software zum Entwickeln aus RAW-Dateien

RAW-Dateien haben von Hersteller zu Hersteller ein eigenes Format mit eigener Datei-Endung.
Zum Öffnen der Dateien benötigt man spezielle Programme, so genannte RAW-Converter. Die Hersteller bieten meist für ihr Format eigene kostenfreie Tools, es gibt jedoch auch RAW-Converter (sowohl kostenfreie als auch kommerzielle), welche nahezu alle Kamera-Formate unterstützen und recht mächtige Bearbeitungs-Möglichkeiten haben.

Formate und Tools der einzelnen Hersteller

Sony
*.ARW
Image Data Converter
Windows | MacOS
Canon
*.CR2
Digital Photo Professional (DPP)
Download nach Angabe der Kamera für Windows, MacOS und Linux
Nikon
*.NEF
Capture NX-D
Download für Windows und MacOS
Pentax
*.PEF / *.DNG
Digital Camera Utility
Windows | MacOS

kostenlose RAW-Software

Die besten kostenfreien Tools, die ich persönlich getestet habe, sind Raw-Therapee und DarkTable.
RAW-Therapee gibt es für Windows, Linux und MacOS, DarkTable gibt es offiziell nur für Linux, MacOS und andere Unix-artige Systeme. Es existieren auf den Download-Seiten von Computer-Zeitschriften auch Windows-Versionen, diese sind aber meist veraltet und nicht offiziell von DarkTable unterstützt.
Ich muss zugeben: über den großen Funktionsumfang dieser komplett freien Tools war ich echt positiv überrascht!

kommerzielle RAW-Software

Die kostenlosen Tools sind (nach meinem letzten Stand, als ich sie getestet habe) an sich schon echt mächtig, allerdings meist noch etwas langsam und die Ergebnisse des Entrauschens bei High-ISO-Aufnahmen haben mich leider auch nie so ganz überzeugen können – gut möglich, dass das von RAW-Format zu RAW-Format unterschiedlich gut funktioniert, aber zumindestens mit den Fotos meiner Sony-Kameras habe ich im hohen ISO-Bereich die Leistungs-Grenze der Tools kennengelernt.

Unter Windows und MacOS schwören nahezu alle Fotografen auf DEN Platzhirsch in Sachen Fotobearbeitung: Adobe.
Für RAW-Entwicklung ist Adobe LightRoom DAS hoch gelobte Programm schlechthin, aber soweit ich gelesen habe, soll auch PhotoShop mittlerweile mit RAW umgehen können.

Da ich unter Linux arbeite, habe ich nach guten Alternativen gesucht und bin bei Corel AfterShot Pro fündig geworden.
Es ist wesentlich günstiger als die Adobe-Software, der Funktionsumfang ist jedoch auch ein wenig beschränkter. Aber mit ein paar Plugins, die man kostenlos herunterladen kann, lässt sich noch ’ne Menge Funktionsumfang nachrüsten.
Ich persönlich verwende für zwei der wichtigsten Funktionalitäten – Rauschunterdrückung und Nachschärfen – die Plugins „Wavelet Denoise“ und „Wavelet Sharpen“, zudem nutze ich „Vigne“ recht regelmäßig für Vignetierung.

weitere Tipps?

Habt ihr noch weitere Software-Tipps?
Dann ab damit in die Kommentare!

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